Ja geht's denn noch? – Die epidemiologische Forschung zu psychischen Erkrankungen auf der Basis von Krankheitsartenstatistiken der Krankenkassen außer Rand und Band

Manfred Zielke1, Matthias Stapel2

1 Baltic Bay Clinical Consulting, Mönkeberg
2 Deutsche Rentenversicherung Rheinland-Pfalz, Speyer

(erschienen in Zielke M., Wittmann W.W. (Hrsg.), Ja geht's denn noch? – Die epidemiologische Forschung zu psychischen Erkrankungen auf der Basis von Krankheitsartenstatistiken der Krankenkassen außer Rand und Band. Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation, 2015, Heft 96, S. 160-178. Pabst Science Publishers, Lengerich)

Kurzfassung

Hintergrund: Die epidemiologische Forschung zu psychischen Erkrankungen in Deutschland ist außer Rand und Band. Die proklamierte Zunahme psychischer Erkrankungen ist ungefiltert in die öffentliche und wissenschaftliche Meinungsbildung eingedrungen, ohne dass bislang belastbare Nachweise für die
Richtigkeit dieser Behauptungen vorgelegt wurden.

Material und Methoden: Es wird untersucht, ob die Datenbasis der von den Krankenkassen veröffentlichten Krankheitsartenstatistiken zuverlässige Informationsquellen für das behauptete Anwachsen der Neuerkrankungen bei psychischen Erkrankungen darstellen.

Ergebnisse: Das Auswertungsrationale der Krankenkassen führt zu der irreführenden Annahme einer Zunahme von Neuerkrankungen. Dabei sind die ausgewerteten AU-Fälle und deren Zunahme keine Krankheitsfälle im Sinne von Neuerkrankungen, sondern lediglich Krankheitsereignisse oder gar Mehrfachereignisse bei identischen Versicherten innerhalb eines Jahres. Gerade bei psychischen Erkrankungen müssen wir von einem multiplen Krankheitsgeschehen ausgehen. Ohne eine Mitnahme personenbezogener Identifikationen von Krankheitsereignissen kommt es seit Jahren durch Mehrfachzählungen zu dem irreführenden Bild einer nur scheinbaren Explosion der Neuerkrankungen.
Die Anzahl der Neuerkrankungen ist offensichtlich nach aktuellen Veröffentlichungen weitgehend konstant. Wir haben es eher mit einem Rückgang von kurzdauernden AU-Fällen und einer gleichzeitigen Zunahme längerdauernder Krankheitsfälle zu tun. Eine solche Entwicklung würde auch das Anwachsen der AU-Tage insgesamt erklären. Aufgrund der administrativen Konventionen und der Datenqualität der Krankenkassen sind Angaben zu den Neuerkrankungen so nicht haltbar, irreführend und falsch! Kritische Versorgungsforscher sprechen gar von einer ,,gefühlten“ Zunahme psychischer Störungen, die offenbar etwas anderes abbildet als eine tatsächliche Zunahme der Inzidenz und Prävalenz psychischer Störungen.

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