Konsekutive Krankheitsereignisse im zeitlichen Ablauf nach stationärer verhaltensmedizinischer Behandlung und Rehabilitation

Manfred Zielke

Baltic Bay Clinical Consulting, Mönkeberg

(aus  DRV Bund, DRV Ober- und Mittelfranken (Hrsg) (2006) 15. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium „Rehabilitation und Arbeitswelt – Herausforderungen und Strategien“ (S. 473-475). DRV-Schriften Bd. 64)

Kurzfassung

Problemstellung: Von Kritikern der stationären medizinischen Rehabilitation bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen wird immer wieder vorgebracht,  dass die Patienten nach der Entlassung aus der Klinik in ein ausgeprägtes „Versorgungsloch“ fallen würden und derart unversorgt relativ rasch wieder krankgeschrieben würden mit entsprechend langen Krankheitszeiten. Empirische Begründungen, die solche Argumentationen stützen (könnten) fehlen völlig. Dies ist vor allem dadurch begründet, dass die klinischen Behandler kaum auf die bei den Krankenkassen vorhandenen Informationen über die zeitliche (datumsbezogene) Abfolge von Krankheitsereignissen zugreifen können und in nicht wenigen Fällen auf zufällige Einzelfallbeobachtungen bezug nehmen müssen. Dabei ist es auch unter dem Aspekt der Nachsorge von eminenter Bedeutung, in welchem Zeitabstand seit der Klinikentlassung das erste Krankheitsereignis eintritt incl. der Erkrankungsdiagnose und der spezifischen Krankheitsdauer.

Methodik: Bei einer Stichprobe von 200 erwerbstätigen Patienten aus der stationären verhaltensmedizinischen psychosomatischen  Behandlung und Rehabilitation wird untersucht, nach wievielen Tagen seit der Entlassung aus der Klinik der erste Krankheitsfall in Verbindung mit einer AU-Bescheinigung eingetreten ist, welche Art der Erkrankung dabei vorgelegen hat und mit welchen zeitlichen Verläufen dabei zu rechnen ist. Weiterhin wird geprüft, ob eine ambulante Psychotherapie im Nachgang zu dem Klinikaufenthalt einen moderierenden Einfluss auf das Krankheitsgeschehen hat.

Ergebnisse: 32,5% der Patienten bleiben in dem Nachuntersuchungszeitraum (2 Jahre) durchgehend arbeitsfähig. Erst nach 208 Tagen tritt im Durchschnitt der erste Krankheitsfall auf. Die Art der Erkrankungen erstreckt sich über das gesamte Krankheitsspektrum, wobei Atemwegserkrankungen mit 31,5% an erster Stelle stehen. Psychische und Verhaltensstörungen (F-Diagnosen) werden bei 20,8% der AU-Fälle als Krankeitsgrund kodiert. Als kritische Krankheitsgruppe sind die Angststörungen zu nennen (F41), bei denen bereits nach 61,23 Tagen der erste Krankheitsfall eintritt.
Jüngere Patienten bis 30 Jahre haben frühere erste Erkrankungen nach der Entlassung als ältere Patienten; die Dauer dieser ersten Erkrankung ist mit 7,44 Tagen jedoch um ein Vielfaches kürzer als bei Patienten über 30 Jahren mit einer Dauer von 39,82 Tagen. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass bei den Jüngeren in 51,5% der ersten Krankheitsfälle durch Erkrankungen der Atemwege (Erkältungen) bedingt sind , wohingegen bei den älteren Patienten psychische Erkrankungen als Krankheitsgründe mit 25,7% im Vordergrund stehen.
56,0% der Patienten erhalten in der Zeitspanne von zwei Jahren nach der stationären Behandlung eine ambulante Psychotherapie. Die erste AU tritt allerdings bei den Patienten mit einer ambulanten Psychotherapie sowohl hinsichtlich der Quartalsentwicklung als auch hinsichtlich der Dauer bis zu dieser ersten AU wesentlich früher ein. So dauert es bei der Gruppe ohne ambulante Psychotherapie im Durchschnitt 241,93 Tage und mit ambulanter Psychotherapie 183,62 Tage, bis die erste AU eintritt. Diese erste AU ist jedoch wiederum bei den ambulant Behandelten kürzer.

Diskussion und Schlussfolgerungen: Erstmalig ist es möglich gewesen, die Krankheitsereignisse nach stationären Behandlungen und Rehabilitationsmassnahmen in ihrer exakten zeitlichen Abfolge und unter Berücksichtigung der Art der Erkrankungen zu verfolgen. Ein vielfach diskutiertes rasches Wiedereintreten von Krankheitsereignissen nach der psychosomatischen Rehabilitation ist eher als eine versorgungspolitische Voreingenommenheit zu bezeichnen. Das Gesundheitsverhalten der Patienten ist mit einem ersten AU-Fall nach durchschnittlich 208 Tagen weitestgehend stabil. Das Krankheitsspektrum mit Atemwegserkrankungen an erster Stelle entspricht den „normalen“ Diagnosenverteilungen. Betreuungsangebote sollten sich stärker auf Patientengruppen mit höheren Risiken in der Nachsorge beziehen.

Schlüsselwörter
Medizinische Rehabilitation
Psychosomatische Erkrankungen
poststationäre Krankheitsereignisse

Literatur

Zielke M, Wittmann W W, Stapel M (2005) Behandlungsdauer und Ergebnisqualität in der stationären Psychosomatik: Ergebnisse langfristiger Prozessanalysen. In Verband Deutscher Rentenversicherungsträger VDR (Hrsg.) 14. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium „Rehabilitationsforschung in Deutschland – Stand und Perspektiven“ (S.469-471). DRV-Schriften Bd. 59. Wdv-Verlag, Bad Homburg

Zielke M, Borgart E-J, Carls W, Herder F, Lebenhagen J, Leidig S, Limbacher K, Meermann R, Reschenberg I & Schwickerath J (2004) Ergebnisqualität und Gesundheitsökonomie verhaltensmedizinischer Psychosomatik in der Klinik. Lengerich: Pabst Science Publishers