Früherkennung und Risikomodifkation in der Behandlung und Rehabilitation psychosomatischer Erkrankungen

Manfred Zielke*, Hans Dörning**, Eva Maria Bitzer**

*Baltic Bay Clinical Consulting, Mönkeberg und Institut für Psychologie der Christian-Albrechts-Universität Kiel

** ISEG – Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung, Hannover

Welcher Verantwortliche im Gesundheitswesen, der sich mit Krankheitsverläufen von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen beschäftigt, würde es nicht wünschen: Patienten und Patientinnen in einem möglichst frühen Stadium ihrer Krankheitsentwicklung für zielgerichtete und wirksame Behandlungsmaßnahmen zu gewinnen!

Warum müssen die Betroffenen immer noch im Durchschnitt bis zu 7 Jahren eine Odyssee durchlaufen, bis fachgerechte psychotherapeutische und psychosomatische Behandlungen zu greifen beginnen? Es wird viel darüber geklagt, dass dies so sei; manchmal dient dieses Klagen auch ein wenig der eigenen Existenzsicherung von Behandlern.

Es gibt eine Vielzahl von Vermutungen über die Gründe dieser nach wie vor bestehenden Chronizität von „Patientenkarrieren“. Letztlich wissen wir wenig darüber. Nahezu alle Akteure des Gesundheitssystems werden für diesen Umstand verantwortlich gemacht; auf jeden Fall sind es immer die Anderen. Als mit der Planung eines solchen Früherkennungsprojektes begonnen wurde, galt es zunächst, die Bedenken der in Aussicht genommenen Behandler zu überwinden, aktiv auf die Patienten zuzugehen und Ihnen ein Behandlungsangebot zu unterbreiten. „Sie müssen von selbst kommen, sonst hat es keinen Zweck“.

Dem frühzeitig bekannt gewordenen Konzept einer ergebnisabhängigen Finanzierung (Pay For Performance) folgte eine bundesweite Empörung von Ärzten und Psychotherapeuten: „nunmehr würden nur noch die Patienten mit guten Prognosen von den Behandlern akzeptiert werden“. Kaufmännisch denkende Mitarbeiter konnten sich zunächst nur schwer daran gewöhnen, erst nach längerer Zeit zu erfahren, ob und mit wie vielen Boni und Mali gerechnet werden müsste.

Psychotherapeuten befürchteten, sie müssten die Projektpatienten besonders gut und sorgfältig behandeln, damit auf jeden Fall der Ressourcenverbrauch späterhin angemessen sinken würde. Alle Bedenken haben sich in unterschiedlichen Projektphasen verflüchtigt. Nachbefragungen ergaben nicht selten, dass Patienten froh darüber waren, dass jemand begann, sich konkret um ihre Krankheitsbelange zu kümmern und dass Ihnen ein konkretes Angebot gemacht wurde, das sie ohne große Hürden in Anspruch nehmen konnten.

Psychotherapeuten haben recht schnell nicht mehr daran gedacht, ob sie es mit einem Patienten aus dem Bonus-Malus-Projekt zu tun hatten. Am längsten mussten die Kaufleute warten, bis ihre Bonus-Malus-Regularien abgeschlossen werden konnten.

Ein unschätzbar wertvolles Ergebnis wurde jedoch weit vor der abschließenden Evaluation offensichtlich: Durch das aktive Zugehen auf die Patienten und Patientinnen konnten diese bereits in frühen Phasen ihrer Krankheitsentwicklung (etwa 3 bis 4 Jahre früher) in Behandlungen vermittelt werden und bei 50% der Projektteilnehmer sogar noch innerhalb des ersten Jahres ihrer noch jungen Krankheitskarriere.

Das zweite herausragende Ergebnis war, dass bei dem Anteil der Männer, die sich in stationäre psychotherapeutische Behandlungen begeben, mit 54,8% ungeahnte Quoten erreicht werden konnten bei ansonsten Quoten männlicher Psychotherapiepatienten zwischen 15% und 30%. Abschliessend bleibt eigentlich nur der Wunsch eines Klinikers und Forschers, dass gesundheitspolitische Projektierungen und Weichenstellungen zumindest in Sichtweite von wissenschaftlichen Erkenntnissen getroffen werden.

Literaturquellen

Bitzer EM, Dörning H, Lorenz C, Kristof O, Zielke M (2010) Effekte eines Interventionsprojektes in der stationären psychosomatischen Behandlung unter dem Aspekt einer ergebnisabhängigen Finanzierung mit einem Bonus-Malus System. In DRV Bund (Hrsg) 19. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium „Vernetzung in der Rehabilitation – Kommunikation und Vernetzung. DRV-Schriften Bd. 88. (S. 500-501)

Dörning H, Bitzer EM, Lorenz C, Zielke M (2010) Effekte eines Interventionsprojektes zur stationären Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen. In DRV Bund (Hrsg) 19. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium „Vernetzung in der Rehabilitation – Kommunikation und Vernetzung. DRV-Schriften Bd. 88. (S. 465-466)

Dörning H, Lorenz C (2010) Möglichkeiten der Kontrollgruppenziehungen bei Evaluationsprojekten zum gesundheitsbezogenen Ressourcenverbrauch am Beispiel psychischer Erkrankungen. 61. Jahrestagung des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM): Chronische Krankheiten im Spannungsfeld zwischen molokularer Medizin und personaler Heilkunde (S.41).

Berlin Lorenz C, Dörning H (2010) Selektionsprozesse bei Langzeitverläufen zum Gesundheits- und Krankheitsverhalten auf der Basis von Daten der Krankenkasse zum Ressourcenverbrauch. 61. Jahrestagung des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM): Chronische Krankheiten im Spannungsfeld zwischen molokularer Medizin und personaler Heilkunde (S.41). Berlin

Schumacher A, Kristof O, Zielke M (2011) Früherkennung und Risikomodifikation bei psychosomatischen Störungen – Erste Ergebnisse zu einem Frühinterventionsprogramm der Gmünder Ersatzkasse und der AHG Klinik Waren. In Zielke M (Hrsg) Indikation zur stationären Verhaltenstherapie und medizinischen Rehabilitation bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen (S. 571-590).

Lengerich, Pabst Science Publishers Stelzig, Rathner, Klaushofer (Hrsg) (2012, im Druck) Die Folgen der (Nicht) Diagnose psychischer Erkrankungen. - Medizinische, rechtliche, wirtschaftliche und ethische Aspekte.

Jan Sramek Verlag, Wien Zielke M, Schumacher A, Kristof O (2010) Ergebnisparameter der unmittelbaren Behandlungseffekte eines Früherkennungs- und Frühinterventionsprogramms bei psychischen Erkrankungen in Bezug auf klinisch-psychologische Kriterien. In DRV Bund (Hrsg) 19. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium „Vernetzung in der Rehabilitation – Kommunikation und Vernetzung. DRV-Schriften Bd. 88. (S. 464-465)

Zielke M (2010) Sozialmedizinische und gesundheitsökonomische Effekte eines Früherkennungs- und Interventionsprogramms bei psychischen Erkrankungen in Verbindung mit einem „Pay-for-Performance“ Ansatz. 3. Forschungswerkstatt Stationäre Psychotherapie, Mainz, Juni 2010.