Nehmen psychische Erkrankungen wirklich zu? Prof Dr. Manfred Zielke BBCC:

„Die Wahrheit ist die Meinung, auf die man sich geeinigt hat!

Zur Zeit erleben wir gerade eine „Hype“ in Bezug auf die sich täglich überschlagenden Meldungen über eine geradezu sprunghafte Zunahme psychischer Erkrankungen. Die jeweiligen „Stakeholder“ bemühen sich nahezu täglich, ihr eigenes Leistungsspektrum zur Behebung dieser Problementwicklung feilzubieten. Sämtliches wissenschaftliches „Know How“ zur empirischen sozialmedizinischen Versorgungsforschung scheint keine Bedeutung mehr zu haben, wenn es denn den eignen Interessen dient. Kaum jemand fragt noch, wie auf der Basis der Krankheitsartenstatistiken der einzelnen Krankenkassen diese Daten zustande kommen und ob sie nicht erheblichen Bewertungsfehlern unterliegen. Zielke (2012) hat sich kritisch damit auseinandergesetzt und kommt zu dem ernüchternden Schluss: „Die Wahrheit ist die Meinung, auf die man sich geeinigt hat“. Wollte man tatsächlich eine Untersuchung über die Häufigkeitsentwicklung von Krankheitsfällen durchführen, wäre es erforderlich, zumindest die Versichertennummern über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren mitzuführen, um zu überprüfen, ob der jeweilige Krankheitsfall tatsächlich eine neuer „Patientenfall“ oder lediglich ein erneuter Erkrankungsfall einer bestimmten identischen Person innerhalb des Beobachtungszeitraumes ist. Es kann doch nicht sein, dass jeder AU-Fall z. B. innerhalb eines Jahres als neuer „Patientenkrankheitsfall“ gewertet wird, obwohl ein betreffender Versicherter möglicherweise zweimal oder gar dreimal wegen einer psychischen Erkrankung arbeitsunfähig wurde. Tatsächlich werden in den Krankheitsartenstatistiken in einer solchen Konstellation drei Krankheitsfälle konstatiert! Jeder, der einmal solche über mehrere Jahre führenden Krankheitsartenstatistiken identischer Personen untersucht hat, wird allein auf der Basis der dabei zu beobachtenden „Schwundquoten“ infolge eines Wechsels im Versicherungsstatus einer bestimmten Person, infolge von Kassenwechsel oder Auflösung des Versicherungsverhältnisses und nicht zuletzt infolge der Mortalität in der Untersuchungsgruppe zu dem Schluss kommen, daß ohne Mitnahme der jeweiligen Versicherungsnummern Fehlschlüsse bei den Krankheitsartenstatistiken an der Tagesordnung sind. Dass man bezüglich der Abnahme bzw. Zunahme bestimmter Krankheitsbilder die von dem jeweiligen Krankheitsrisiko betroffene demographische Entwicklung mit berücksichtigen muss, soll hier lediglich als weiterer differenzierender Gesichtspunkt erwähnt werden, ebenso wie die Anzahl der Erwerbstätigen in den interessierenden Beobachtungszeiträumen überhaupt.