Sucht

(Zielke M, Herder F, Lebenhagen J, Reschenberg I, Weissinger V (2007) Krankheitsverläufe von Versicherten nach stationären Entwöhnungsbehandlungen auf der Basis von Sekundärdaten der DAK. Erschienen in: Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation, Supplement 2007. Pabst Science Publishers, Lengerich.)

Zusammenfassung der Untersuchung

Die vorliegende Studie berichtet über das Krankheitsgeschehen im dritten Folgejahr nach der medizinischen Rehabilitation im Jahre 2002. Die Auswertungen beziehen sich auf die bis 2005 verbleibende Stichprobe von 1.751 Patienten mit einem Anteil von 61,5% Männern und 38,5% Frauen.

162 Patienten (7,1%) sind nach dem Ziehungsjahr 2002 in einem Durchschnittsalter von 49 Jahren verstorben, darunter auch ein hoher Anteil von 17%  der bis zu 40-Jährigen.

Der überwiegende Anteil (48,4%) der Rehabilitanden war / bzw. ist arbeitslos und 21,7% können als durchgängig erwerbstätige Personen eingestuft werden. Die Arbeitslosen sind deutlich jünger als die durchgängig Erwerbstätigen. Die Behandlungsfälle im Akutkrankenhaus und auch die damit verbundenen Behandlungstage sind deutlich rückläufig. Dies gilt auch für Akutaufenthalte im Zusammenhang mit einer Alkoholproblematik. Allerdings befanden sich im letzten Untersuchungsjahr 2005 immerhin noch 399 Patienten (22,8%) zu einer stationären Entzugsbehandlung im Krankenhaus.

Während im ersten Folgejahr noch 489 Patienten (27,9%) eine weitere Rehabilitationsmaßnahme erhielten, waren es 2004 noch lediglich 12,3% und 2005 noch 31 Patienten (1,8%).

Von besonderem Interesse war der Verlauf des Krankheitsgeschehens in Verbindung mit formellen Arbeitsunfähigkeitsfällen und –tagen. Die Detailanalysen hierzu wurden ausschliesslich mit den durchgängig erwerbstätigen Patienten gerechnet, da offensichtlich bei den Arbeitslosen eine Reihe gesetzlicher Veränderungen in 2004 und 2005 einen erheblichen Einfluss auf Krankschreibungen genommen haben mit einem erheblichen Rückgang der AU-Fälle, sodass ein inhaltlicher unmittelbarer Bezug des Krankheitsverhaltens zur stattgefundenen Intervention nicht mehr gegeben war und die Verläufe erheblich verfälscht hätte.

Bei den durchgängig Erwerbstätigen gab es 2003 noch bei 35,0% der Patienten mindestens einen Krankheitsfall in Verbindung mit einer F10-Diagnose; 2004 waren es noch 20,0% und 2005 verringerte sich der Anteil auf 12,9% der Stichprobe.

Die Zahl der Krankheitstage sinkt bis 2004 deutlich und teilweise extrem und nimmt im letzten Untersuchungsjahr wiederum leicht zu. Dieser Anstieg in 2005  gilt nicht für die mit einer F10-Diagnose verbundenen Krankheitstage, die auch in 2005 weiter rückläufig sind und lediglich noch 21% der AU-Tage stellen.

Die Einteilungen der Patientenstichprobe nach Schweregraden unter Verwendung von Ressourcenverbräuchen in den Folgejahren nach der Rehabilitation erweisen sich als sinnvolle und brauchbare Kriterien zur Ergebnisbewertung der Rehabilitation.

Die Klassifikation nach Krankheitsereignisse in Verbindung mit einer Alkoholproblematik in den drei Folgejahren ergab, dass 49,2% der Patienten nicht mit alkoholassoziierten Krankheitsereignissen in Erscheinung getreten sind (Kein KH-Fall, keine Rehabilitation, kein AU-Fall mit einer F10-Diagnose) und noch einmal 11,3% mit nur einem entsprechenden Ereignis in drei Jahren. Die Verläufe der AU-Tage dieser vier Erfolgsgruppen über insgesamt 6 Jahre zeigen deutliche Unterschiede in jeden der drei Folgejahre. Insbesondere bei der Patientengruppe mit alkoholassoziierten Krankheitsereignissen in zwei oder in allen drei Jahren nach der Rehabilitation nehmen die AU-Tage im ersten Folgejahr noch weiter zu, vermindern sich zwar im zweiten Folgejahr entsprechend dem gesamten Trend deutlich und steigen im dritten Folgejahr wieder an.

Diese Entwicklung zeigt sich noch etwas forcierter, wenn man ausschliesslich das dritte Folgejahr betrachtet. Ereignet sich in 2005 ein Krankheitsereignis in Verbindung mit einer Alkoholproblematik (wie bei 19,2% der Patienten) steigt das gesamte Krankheitsgeschehen in diesem Jahr massiv an, während in der Vergleichsgruppe eine weitgehende Stabilität auf einem niedrigen Niveau gehalten werden kann.

Um Anhaltspunkte dafür zu gewinnen, ob mit einem alkoholspezifischen Rückfall im dritten Untersuchungsjahr 2005 auch ein spezifisches Krankheitsgeschehen verbunden ist, haben wir eine Reihe von Vergleichen angestellt, welche mit einer Arbeitsunfähigkeit verbundenen Erkrankungen in den beiden Untersuchungsgruppen

  • „Gruppe F10-2005: 1 = kein alkoholbezogenes Krankheitsgeschehen“ und
  • „Gruppe F10-2005: 2 = mindestens ein alkoholbezogenes Krankheitsgeschehen“

auftreten, wie lange diese dauern und wie viele Krankheitstage dabei entstehen.

Krankheitsfälle infolge einer psychischen Erkrankung treten in der Rückfallgruppe mit 69,68% (im Vergleich zu 19,2% der Grundgesamtheit) etwa dreimal häufiger auf. Die Krankheitsdauer ist mit 38,08 Tagen bzw. mit 39,98 Tagen absolut identisch; auch in der Gesamtzahl der durch psychische Erkrankungen verursachten AU-Tage weist die Rückfallgruppe mehr als das Dreifache als erwartet an Krankheitstagen auf.

Depressive Erkrankungen sind in bezug auf die Krankheitsfälle in der Rückfallgruppe mit 28,6% überproportional häufig vertreten (bei Gleichverteilung wären 19,8% erwartet worden). Als hervorzuhebendes Kriterium der Rückfallgruppe ist die mit 89,17 AU-Tagen je Fall lange Dauer der einzelnen Krankheitsepisode zu nennen, die mehr als doppelt so lange dauert als in der Gruppe der nicht Rückfälligen mit immerhin noch 34,73 AU-Tagen je Fall. Berücksichtigt man als Vergleichskriterium die insgesamt verursachten AU-Tage, haben die langen einzelnen Krankheitszeiten dazu geführt, dass 50,67% aller F3-zugeordneten Krankheitstage der Rückfallgruppe zugeordnet werden können (erwartet wurden lediglich 19,2%). Nach einem Alkoholrückfall treten häufiger als in der Grundverteilung erwartet werden kann depressive Erkrankungen auf mit insgesamt sehr langen Krankheitszeiten.

Krankheitsfälle infolge von Kreislauferkrankungen sind in der Rückfallgruppe mit 28,58% deutlich überrepräsentiert. Mit 42,00 Tagen je Fall ist die Krankheitsdauer darüber hinaus ebenfalls wesentlich ausgeprägter als in der abstinenten Gruppe mit 25,00 Tagen. Beide Details führen dazu, dass 40,20% der Krankheitstage wegen Kreislauferkrankungen in der Rückfallgruppe entstehen. Rückfällige Patienten haben häufiger Kreislauferkrankungen und sie sind im Erkrankungsfall wesentlich länger krank.

Krankheiten des Verdauungssystems und darin vor allem Darmerkrankungen sind mit jeweils über 30% der Krankheitsfälle in der Rückfallgruppe über Erwarten häufig und wegen der längeren Krankheitsdauer (im Vergleich zur abstinenten Gruppe) werden mit 42,66% aller Krankheitstage dieser Krankheitsgruppe doppelt so viele Krankheitstage als erwartet in der Rückfallgruppe beobachtet. Krankheiten des Verdauungssystems scheinen ein Spezifikum der Patientengruppe zu sein, die in 2005 eine Alkoholrückfall erlebt haben.

In der Kodierungsgruppe „andere Ursachen der Morbidität“ werden andere nicht näher spezifizierte Ursachen für eine vorliegende Morbidität erfasst. Die diesbezüglichen Krankheitsfälle sind in der Rückfallgruppe mit 45,00% deutlich überrepräsentiert und dauern zudem mit 15,89 Tagen sehr viel länger als in der Vergleichsgruppe mit lediglich 9,64 Tagen je Krankheitsfall. Beide Kriterien führen dazu dass ein über Erwarten hoher Anteil von 57,42% der Krankheitstage in dieser Gruppe entsteht.

Wie aus der Gruppenbildung hervorgeht werden insgesamt 19,2% der Untersuchungsstichprobe der Gruppe zugeordnet, die im Untersuchungsjahr 2005 einen Rückfall erlitten haben. Bei Gleichverteilung des Krankheitsgeschehens zwischen den rückfälligen und den nicht rückfälligen Patienten müsste dieser Anteil sich bei den jeweiligen Kriterien wiederholen. Fasst man alle Krankheitsfälle zusammen, entstehen in der Rückfallgruppe mit 32,94% der AU-Fälle mehr Fälle als erwartet. Die durchschnittliche Dauer je Fall ist in der abstinenten Gruppe mit 18,78 Tagen wesentlich kürzer als in der Rückfallgruppe mit 26,22 AU-Tagen. Folglich wächst der bereits überproportionale Anteil aus den AU-Fällen in der Rückfallgruppe noch weiter an mit dem Ergebnis, dass 40,68% aller Krankheitstage sich in der Gruppe ereignen, die im letzten Untersuchungsjahr einen Rückfall erlitten haben; das sind doppelt so viele Krankheitstage wie nach der zugeordneten Patientenzahl erwartet werden können.

Insgesamt eignen sich die bei der Krankenkasse auflaufenden Sekundärdaten zum Krankheitsgeschehen als Grundlage für eine über mehrere Jahre angelegte Evaluation der konsekutiven Krankheitsprozesse. Es muss jedoch auf eine Reihe von Fallstricken bei den Analysen hingewiesen werden, die eine besondere Sorgfalt bei der Datenanalyse erforderlich machen. Beispiele hierfür sind Krankheitsverläufe, die sich über das Jahresende erstrecken und möglicherweise ganz herausfallen oder doppelt gezählt werden, unregelmässige Erwerbsverläufe, die bei Nichtbeachtung zu falschen Ergebnissen und Schlussfolgerungen führen können und Veränderungen der Gesetzeslage, die in unserem Untersuchungsfall das Krankheitsverhalten von Arbeitslosen wesentlich beeinflusst haben dürften.