Entwicklung eines Fragebogens zur Erfassung der arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster für nicht Erwerbstätige (AVEM-NE)

Manfred Zielke

Baltic Bay Clinical Consulting, Mönkeberg

(Erschienen in DRV Bund und DRV Oldenburg-Bremen (Hrsg) (2008) 17. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Evidenzbasierte Rehabilitation – zwischen Standardisierung und Individualisierung (S. 108-110). DRV-Schriftenreihe Bd. 77.)


Problemstellung: Für Erwerbstätige sind eine Reihe vom Messverfahren verfügbar, mit deren Hilfe spezielle Verhaltens- und Erlebensmuster in bezug auf arbeits- und leistungsbezogene Anforderungen zuverlässig erfasst werden können (AVEM von Schaaarschmidt und Fischer 1996, ISTA von Semmer, Zapf und Dunckel 1999, KoBelA von Zielke und Leidig 2006). Entsprechende Instrumentarien für nicht Erwerbstätige bzw. für Erwerbstätige, die bereits seit längerer Zeit infolge einer andauernder Arbeitsunfähigkeit oder wegen anhaltender Arbeitslosigkeit nicht mehr aktiv im Erwerbsleben stehen, existieren nicht. Darüberhinaus gibt es deutliche Hinweise darauf, dass Arbeitnehmer, die seit mindestens einem halben Jahr nicht mehr täglich erwerbstätig waren, in ihrer Erinnerung an konkrete Arbeitsanforderungen und dem Umgang mit solchen Anforderungen bei entsprechenden Befragungen eher ihre eigenen Voreingenommenheiten darlegen oder Generalisierungen von Belastungen vornehmen, die der damaligen Arbeitsrealität kaum mehr entsprechen.

Methodik: Die Itemliste aus dem Fragebogen zum „Arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster AVEM“ wurde dahingehend umformuliert, dass Nicht-Erwerbstätige in Bezug auf ihre Haushaltstätigkeiten und ihre nicht-berufsbezogenen Anforderungen unter den gleichen inhaltlichen Fragestellungen beantworten können. Dieses Instrument wurde 154 Patienten am Beginn ihrer stationären psychosomatischen Behandlung vorgelegt, die bis zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Klinik mindestens ein halbes Jahr krank geschrieben oder arbeitslos oder nicht erwerbstätig waren. An Hand dieser Stichprobe sollten die Faktorenstruktur des Fragebogens, die Messgenauigkeit und die klinische Validität untersucht werden.

Ergebnisse: Die Faktorenanalyse ergab sieben Faktoren. F1: „Verausgabungsbereitschaft und Perfektionsstreben“, F2: „Versagensängste und Resignation bei Misserfolg“, F3: „Anerkennung und Unterstützung durch die Familie“, F4: „Gelassenheit und Distanzierungsfähigkeit“, F5: „Ehrgeiz und Erfolgsambitionen“, F6: „Zufriedenheit und Erfolg“ und F7: „Wert der Haus- und Familienarbeit“. Die interne Konsistenz der Skalen bewegt sich zwischen Cronbachs' α = 0,903 (Faktor 1) und 0,679 (Faktor 7). Die Itemstatistiken (Trennschärfe, Schwierigkeit) sind sehr gut bis gut. Die Zusammenhangsanalysen mit einer Reihe klinischer Skalen wie dem Beck-Angst-Inventar, dem Beck-Depressions-Inventar und dem Umfang psychosomatischer Beschwerden weisen darauf hin, dass positive arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster wie im Faktor 3 „Anerkennung und Unterstützung durch die Familie“, im Faktor 4 „Gelassenheit und Distanzierungsfähigkeit“ sowie im Faktor 6 „Zufriedenheit und Erfolg“ mit geringen Werten auf den klinischen Skalen einhergehen und dass insbesondere hohe Ausprägungen im Faktor 1 „Verausgabungsbereitschaft und Perfektionsstreben“ und im Faktor 2 „Versagensängste und Resignation bei Misserfolg“ kritische Verhaltens- und Erlebensmuster darstellen, die mit ausgeprägten psychischen Belastungen in Zusammenhang stehen. Patienten mit starken „Versagensängsten und Resignation bei Misserfolg“ weisen eine hohe psychische Komorbidität auf (Anzahl psychischer Behandlungsdiagnosen). Eine weitgehende „Anerkennung und Unterstützung durch die Familie“ (Faktor 3) scheint eher mit isolierten psychischen Störungen (geringe Komorbidität) in Zusammenhang zu stehen.

Diskussion und Schlussfolgerungen: Die Faktorenlösung des AVEM für nicht Erwerbstätige (NE) führt zu weniger Faktoren als die Originalversion, da offensichtlich eine Reihe von Items im Zusammenhang miteinander auftreten, die bei Schaarschmidt und Fischer (1996) separaten Skalen zugeordnet werden (Beispiele: Verausgabungsbereitschaft und Perfektionsstreben, Gelassenheit und Distanzierungsfähigkeit).

Die Gütekriterien weisen das AVEM-NE als zuverlässiges Instrument zur Erfassung des Verhaltens und Erlebens von Arbeitsanforderungen im Rahmen der Haus- und Familienarbeit aus.

Schlüsselwörter
Arbeitsbelastungen bei nicht Erwerbstätigen
diagnostische Instrumente
psychosomatische Behandlung und Rehabilitation

Literatur

Schaarschmidt U. & Fischer A. (1996). AVEM – Arbeitsbezogenens Verhaltens- und Erlebensmuster (Manual). Frankfurt/Main, Swets Testservices.

Zielke M, Leidig S (2006). KoBelA: Entwicklung und Validierung eines Fragebogens zur Erfassung der Kompetenzern und Belastungen am Arbeitsplatz. Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation, 72, 184-88.